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BILD – HAUS – CHAOS
Über Maelstrom von Roman Kirschner

fur Maelstrom (revolver books)





Bild – Skelett – Körper
Das erste, was man sieht, ist ein Bild. Eine schmutzigweiße Fläche mit einem schwarzen Streifen darunter. Als ob Malewitschs schwarzes Quadrat an die Unterkante der Malerei ausgelaufen wäre. Es erwacht unten links. Das Geräusch, die Bewegung; Es lässt einen an eine Scanner denken. Es bahnt sich einen Weg durch den schwarzen Streifen. Und dann geht es nach oben. Es zieht schwarze Linien in das schmutzige Weiß. Es zeichnet und es fegt aus. So wie ein Staubsauger, der auch Staub spuckt. Es füllt den Schirm mit Spuren von Magnetit, ein sehr feines und magnetisches Puder – erste Bewegung. Es fegt die Spuren aus – zwei Bewegungen in einer. Eine Zeichnung, die ebenso schnell erscheint, wie sie verschwindet. Es ähnelt Fraktalen, die sich selbst hervorbringen und aufnehmen.
Das Bild füllt den Schirm. Es gibt ihm eine extra Dimension. Mit ein bisschen guten Willen erinnert es uns an die neuen Flatscreens in unseren Wohnzimmern. Nur die Form, die Proportionen, die Tiefe, die Höhe sind anders als wir es gewohnt sind. Es befindet sich in einem Kasten, einem recht massiven Möbel, um an der Wand zu hängen: mehr Objekt als Schirm. Es ist gefüllt mit einer Mischung aus Wasser und Glyzerin: mehr Aquarium als Fernseher. Hinter dem Schirm befindet sich ein Magnet, gelenkt durch einen mechanischen Arm: ein Skelett verbunden mit einem Computer. In der Flüssigkeit befindet sich das schwarze Metallpulver. Der Magnet ist nicht sichtbar, aber dennoch fühlbar: durch die Bewegungen auf dem Schirm und durch die Geräusche dahinter. Oder durch das Suchlicht, das manchmal in der Dunkelheit erscheint.
Das Ergebnis dieser Assemblage ist eine dynamische Skulptur, wie sie Roman Kirschner schon früher machte: „Roots“ beispielsweise, worin lebende Kristalle zusammenwachsen und Sound hervorbringen, oder „Still Life“, sein Video mit einer animierten Zahnpastaskulptur. Es hat etwas von einem Vivarium, so wie – abermals – „Roots“. Die dynamische Skulptur ist eine Installation, die leben möchte. Vollkommen programmiert und doch mit einem eigenen Willen. Eine Gesamtheit von Faktoren, die unmöglich ganz kontrollierbar ist: der Computer, der Magnet, die Flüssigkeit, der Staub, die Schwerkraft sorgen für ständig neue Kombinationen. Sie animieren die Vorstellung. Es ist eine Welt („eine Welt“, diesen Ausdruck verwendet Roman Kirschner auch, wenn er von „Roots“ spricht). Es ist ein Kreislauf, ein Leben, in dem Dinge unaufhörlich kommen und gehen. Ein hartnäckiger Zwischenzustand von De- und Regeneration. Es ist ein Körper: immer in Bewegung, wobei jedes neue Ende für einen neuen Beginn steht, für den Moment, in dem das Objekt vollkommen mit sich selbst zusammenfällt – ein fortlaufendes Subjektivieren.

Körper – Haus – Universum
Dieses Bild und dieses Skelett formen zusammen einen Körper. Sie erfassen, verbergen, verarbeiten, erzeugen, folgen und imitieren einander. Die Wiederholung, der Zyklus, kehrt auf verschiedenen Niveaus wieder. Es hängt davon ab, worauf man schaut, auf das Bild, den Schirm, die Installation. Oder wie man schaut: auf die Zeichnung, auf die Bewegung, auf das Ganze. Der Zyklus ist essentiell für ein gutes Verständnis von „Maelstrom“. Es ist ein andauerndes wiederbeginnen von Programmen, von Abfolgen, von Information. Und doch sieht es immer anders aus. In einem kurzen Programmtext spricht Roman Kirschner über den Informationsüberfluss – ständig dasselbe, anders. Dies ist seine Antwort auf das Gefühl. Gegen die physische, körperliche Abkehr des Sehers vor dem Fernsehbild setzt er die hypnotisierende, regenerierende Anziehungskraft dieses autonomen Bildes. Diesen Körper, der begeistert.
Der Magnet hat ein Nest. Nennen es sein Haus. Da beginnt und endet jeder Zyklus. Es sorgt für ein Gefühl; nenne es Geborgenheit. Es macht aus dem Magneten eine beseelte Kreatur. Es entsteht eine Verwandtschaft. Manchmal vermischt sich ein Geräusch des Seufzens und Stöhnens mit den Geräuschen der Maschine. Das mechanische Geräusche der Arme, die den Magneten bewegen und die Pumpe, die die Zu- und Abfuhr von magnetischem Pulver regelt, vermischt sich mit einem Soundtrack. Konkrete Geräusche – etwas, das klingt wie Kiesel unter den Füssen, wie Seufzen und Stöhnen – bekommen manchmal kosmische Proportionen. Sie passen sich an, an das Bild. Sie machen dieses Werk zu einem Universum. Sie geben diesem Universum einen Geist, ein Gefühl, einen Affekt. Es animiert die Technologie.
Dieses Universum ist eine Sammlung loser Elemente: ein Schirm, eine Flüssigkeit, etwas Staub und ein Magnet. Eine Konstruktion aus Armen, die bewegen, einer Pumpe, die zu- und abführt, einem Computer, der steuert. So entsteht ein Bild, ein Geräusch, ein Soundtrack. So entsteht ein Kommentar, ein Betrachter, ein Kreislauf. So entsteht ein Zyklus mit vorhersagbaren Bewegungen und Details, die jedesmal anders aussehen. So entsteht eine Haltung, ein Gefühl, eine Erwartung. Ein Objekt, ein Subjekt, eine Assemblage. Angst, Faszination, Respekt. All diese Elemente formen zusammen „Maelstrom“: eine Kiste, die Dinge zeigt und andere Dinge nicht. Darauf kann man viel projizieren, oder auch nicht. Denke an einen Rorschachtest. Oder denke an Frank Stella und seine Antwort auf die Frage, was in seinem Werk zu sehen sei: „What you see, is what you see“. Das war seine Antwort. Tautologie oder Synergie? In sich selbst gefaltet oder nach außen gekehrt? Wahrnehmung oder Projektion? Dasselbe oder immer anders?

Universum – Struktur - Chaos
Diese Universum trägt die ganze Welt in sich. Es ist ein schwarzes Loch, das alles einsaugt. Eine schwarze Sonne. Eine, deren Strahlen nicht nach außen gehen, sondern nach innen. Was sie gibt, nimmt sie unmittelbar wieder zurück. Wachsen ist zugleich auch schrumpfen. Zeichnen ist zwangsläufig auch verwischen. Weggehen ist immer auch zurückkehren. Jede neue Zeichnung degeneriert unmittelbar: eine Folge der Schwerkraft, die den Staub nach unten zieht. Steigen ist sofort auch fallen. Jedes Aufwachen beinhaltet das zwangsartige Versprechen eines neuen Schlafs. Jeder Beginn ist ein Ende und jedes Ende ein neuer Beginn. So funktioniert das Universum. Ein Universum, das sein eigenes Ziel andauernd negiert.
Das Spiel von Geben und Nehmen, die Rückkehr von Kommen und Gehen, ist immer schon in dem Namen eingeschrieben. „A Descent into the Maelstrom“, die Geschichte von Edgar Allen Poe, die eine Teil ihres Titels verborgte an dieses Werk, an dieses Universum, an diese Struktur, ist eine Geschichte über Angst vor der Tiefe. Es steht in diesem Buch. Es geht um die Tiefen der Meeresstrudeln vor der Norwegischen Küste. Es geht um die Angst vor dem Abgrund, aber ebenso sehr um die Faszination für das Unbekannte. Es geht um die Bewegungen der See. Es geht die Fischer die stets aufs Neue hinausfahren und die – angezogen wie Magnete – stets wieder zurückkehren in den Hafen. Sie machen Platz für den Maelstrom, der immer wieder kommt und geht. Es geht um die Wiederholung, den Kreislauf von Ebbe und Flut, von Tag und Nacht. Und es geht vor allem um die eine Chance, die eine Situation, bei der es falsch läuft und die Schiffsleute mitgezogen werden in die tiefste der Tiefen. Die Chance, die handelt vom Erhabenen. Von der Angst in jedem Staunen. Davon, was überwältigt.
So antwortet „Maelstrom“ auf den Überfluss. Es ist ein Versuch, um Ordnung zu bringen ins Chaos. Es ist das Werk eines Regisseurs. Der Künstler ist die Person, die dieses Universum, diese Struktur, dieses Chaos erdacht und geschaffen hat. Er hat dafür gesorgt, dass der Magnet startet und stoppt. Dass die Bewegungen rumpeln. Als ob ein nicht nachlassender Zweifel den Magneten zwingt zu entscheiden - links, rechts rauf, runter,... - und zu suchen. Aber suchen wonach? Etwas anderes? Sich selbst? Dieser Magnet zieht sich hinter sich selbst hinterher, verliert sich in seinem eigenen Chaos. Er ordnet ohne Unterlass. Er überzeichnet seine eigene Zeichnung, seine eigene Bewegung. Niemals zufrieden, niemals ruhend. Manchmal lässt er los. Dann erscheint ein Licht, eine Erleuchtung, in der Tiefe der Dunkelheit. Als ob der Magnet Abstand nimmt, um besser sehen zu können. Oder um etwas zu zeigen. Etwas, das uns angeht (oder ansieht, so wie im Französischen: ça nous regarde). Dass das Licht wieder verschwindet. Dass die Sonne wieder schwarz wird. Das Chaos wieder Bild.

Das Chaos, das ist dieses Bild.